×
10 Klosterruine screen DSC0454 cropped 130 dpi
04.12.2020 – 03.01.2021

Sean Bonney

Unfinished Histories Vol. VII

»Ihr seid nicht vollkommen wehrlos«– am Ende seines letzten Buches Our Death zitiert Sean Bonney die anarchistische Gewerkschaftsorganisatorin Lucy Parsons, die von der Chicagoer Polizei einmal als »gefährlicher als tausend Randalierer« bezeichnet wurde. Bonneys Gedichte sind Teil dieser Abwehr. Sie greifen das kostbare, praktische Wissen um Verweigerund und Widerstand auf und tragen es weiter. Sie sind voll mit notwendiger Giftigkeit, voll auch von den Stimmen der verblichenen Genoss*innen, und zärtlich gegenüber denen, die noch da sind. Für die Installation haben wir Auszüge aus Bonney’s Arbeit aus Our Death sowie Letters against the Firmament (Enitharmon, 2015) ausgewählt. Beide Bücher äußern eine dringliche Kritik an Rechtsinstituten und deren exekutiven Macht und formulieren eine kohärente und historisch verankerte abolitionistischen Perspektive auf Gefängnis und Polizei.

Bonney’s Letters entstanden größtenteils während der Studierendenproteste in 2010, die sich gegen umfassende Erhöhungen von Studiengebühren richteten, und der Riots im Jahr 2011, die sich nach der Ermordung von Mark Duggan durch die Metropolitan Police geformt haben. Die Letters untersuchen den zeitgenössischen Moment durch die Linse der Geschichte jener Kräfte, die uns innerhalb des kapitalistischen Staates und seinen vielfältigen Technologien von Ausbeutung, Abschottung und Strafverfolgung halten. Dies ist zum Beispiel der Fall bei «Corpus Hermeticum» , das die Verbrennung des italienischen Philosophen und Kosmologen Giordano Bruno im Jahr 1600 mit der Zusammenstellung der Londoner Polizei durch George Peel im frühen zwanzigsten Jahrhundert und der Geschichte des Newgate Prisons miteinander verknüpft.

 Sean Bonney, geboren in Brighton und aufgewachsen im Norden Englands, war Dichter und Wissenschaftler. Er veröffentlichte zahlreiche Gedichtbände, sieben Bücher und schrieb eine Doktorarbeit zu Amiri Baraka und US Black Radical Tradition. Gemeinsam mit dem Dichter Frances Kruk gründete Bonney den kleinen Verlag yt communications. Sein Buch Letter Against the Firmament, das eine wichtige Sammlung an poetischen Briefen enthält, die als Reaktion auf die London Riots verfasst wurden, erschien im Jahr 2015. Im gleichen Jahr zog Bonney von London nach Berlin um eine Post-Doktoranden Stelle an der Freien Universität anzutreten, in deren Rahmen er die Arbeit der anarchistischen Dichterin Diane di Prima erforschte. Sein letztes Buch, Our Death, erschien 2019. Bonney starb am 13. November 2019. Er war eine unversiegbare Quelle an Wissen sowohl über linksradikale Theorie – kommunistisch, anarchistisch und antifaschistisch – als auch Poesie. Amiri Baraka, Rimbaud, Katerina Gogou, Badelaire, Pasolini, and Artaud sind Teil dieser Fülle von poetischen Einflüssen und Stimmen, die ihren Weg in sein Werk gefunden haben. Bonney’s Gedichte wurden in viele Sprachen übersetzt, sowohl im Kontext literarischer Institutionen als auch in dem politischer Bewegungen.

 

Organisiert von Andrea Garcés, Lotta Thießen für artiCHOKE
Produktionsleitung: Carolina Redondo